Wasserfledermäuse nutzen Vernetzungskorridore

Ein Praktikumsforschungsprojekt in Zürich

 

 

 

 

Fledermäuse bewegen sich in der Landschaft auf arttypische Weise. Das Raumorientierungsverhalten ist vom Potential der sinnesphysiologischen Leistungen abhängig und strebt eine optimale Bilanz von Aufwand und Ertrag an. Vernetzungskorridore im urbanen Raum können darum Fledermauspopulationen fördern.

Wasserfledermäuse z. B. machen täglich Transitflüge vom Tagesschlafversteck in den Jagdlebensraum und zurück. Ihre hochfrequenten und zugleich breitbandigen Peilrufe haben eine zu geringe Reichweite für die Echoabbildung über viel mehr als ein Dutzend Meter. Wasserfledermäuse meiden darum den offenen Luftraum und ausgeräumte Agrarlandschaften. Sie fliegen vornehmlich nahe an Bäumen, Hecken und Wegrändern entlang, wodurch sie auch Fressfeinden wie Eulen vermeiden können. Und oft bevorzugen sie immer wieder jene Landschaftselemente als Orientierungshilfen, die ihnen vertraut sind. Flugrouten, die sich bewährt haben, werden über Generationen hinweg genutzt. Mit diesem „konservativ-traditionellen“ Raumorientierungsverhalten vermeiden Wasserfledermäuse übermässigen Energieaufwand wegen immer neuem Erkunden von möglichen Flugkorridoren.

Forschungsprojekt mitten in Zürich
Im Rahmen eines Forschungsprojektes konnte nun diese Verhaltensweise auch im urbanen Raum mitten in der Stadt Zürich beobachtet werden. Diese Forschungsresultate zeigen auf, dass im städtischen Raum nicht nur die Anzahl und Qualität der Grünräume wichtig sind. Für einen erfolgreichen Schutz der Wasserfledermäuse ist ganz besonders der Vernetzungsgrad von Grünflächen entscheidend. Notwendig wären im Beispiel der Stadt Zürich insbesondere lückenlos zusammenhängende Vernetzungskorridore von den Waldrändern quer durch das Häuserwirrwarr an die Ufer von Limmat, Sihl und Zürichsee. Optimal wären bestockte Ufer entlang oberflächlich fliessender Bachläufe, welche im Hinblick auf die Verhaltensweise der Wasserfledermäuse nachhaltig gepflegt würden: Baumhecken und Alleen mit Kronenschluss bei Strassenquerungen ohne direkte Strassenbeleuchtung.

Das Forschungsprojekt „Ressourcennutzung der Wasserfledermaus Myotis daubentonii im urbanen Raum“ war ein Praktikumsprojekt von Patrick Scherler bei Frau Prof. Dr. Barbara König am Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften IEU der Universität Zürich und fand unter der wissenschaftlichen Begleitung von Dr. Fabio Bontadina, SWILD, und Dr. Hans-Peter B. Stutz (Stiftung Fledermausschutz) in Zürich in der Zeit vom 04.06.2012 bis 27.07.2012 statt.

Vernetzungskorridor Wasserfledermäuse Zürich

Untersuchungsmethoden
Die ersten Wasserfledermäuse wurden am Waldrand beim Friedhof Hönggerberg am Wildenweg mit quer zur Flugroute auf 2-4 Meter Höhe aufgespannten Puppenhaar- und Japannetzen gefangen. Später erfolgten weitere Fänge an der Mündung des Wildenweges auf den Limmatuferweg und auf dem grossen Hönggerwehr.
Es wurden total 10 Tiere besendert mit Typen Pip Ag317 (Gewicht 0.5g, Lebensdauer 16d; Biotrack Ltd., Wareham, UK) und PicoPip Ag379 (0.43g, 22d) befestigt mit Hautkleber SkinBond (Smith & Nephew United Inc., Largo, Florida, U.S.A.) auf dem Rückenfell, wobei das Gewicht von Sender und Kleber immer weniger als 8% des Körpergewichts ausmachte.
Während 4 Wochen konnten dann von 8 Tieren (7 Weibchen, 1 Männchen) Telemetriedaten mit total 668 Ortungen gesammelt werden. Die Lokalisation erfolgte alle 5 Minuten und jedes Tier wurde während mindestens 3 Nächten erfasst.

Tagesschlafverstecke
Im Hönggerbergwald wurden zwei Tagesschlafquartiere entdeckt, eines davon ein Wochenstubenquartier in einer alten Spechthöhle einer Esche an der Sonderistrasse mit über 100 Tieren.

Flugrouten und Flugverhalten
Auf welchen Routen Wasserfledermäuse vom Wochenstubenquartier bis an den Waldrand fliegen wurde nicht untersucht (möglich: entlang von Waldstrassen oder über das Kronendach oder quer durch den Wald). Die Beobachtungen fokussierten auf die Flüge im Siedlungsraum ab dem Waldrand bis zu den Jagdlebensräumen über der Limmat.
Alle Tiere folgten der Baumhecke entlang dem Bombach (bzw. Wildenweg). Sie flogen mehrheitlich in Kronenhöhe seitlich am Rande des Astwerkes der Bäume. Bevorzugt wurde die dunklere Ostseite (Sonnenuntergang im Westen) und die Westseite eher nur dann, wenn die sich dort befindenden unbeleuchteten Privatgärten dunkler waren als der beleuchtete öffentliche Raum.
Die Quartierstrassen wurden allesamt auf Höhe der Baumkronen überflogen. Bei den stark beleuchteten Hauptstrassen hingegen wurden „Umwege“ in den Lichtschattenbereich in Kauf genommen. So wurden etwa bei der Limmattalstrasse, wo die Strassenlampen tief hängen, die sich darüber im Lichtschatten befindenden und über der Strasse nahezu einen Kronenschluss bildenden Baumkronenspitzen zum Queren der Strasse überflogen.
Aber bei der Regensdorferstrasse, wo solche Vegetationsstrukturen für die Direktquerung fehlen und die weiter seitlich vorhandenen Strukturen von Strassenlampen beleuchtet sind, findet die Querung im schnellen und bodennahen, also knapp über der Fahrbahn durchführenden und darum sehr risikoreichen Flug statt.
Der natürliche Vernetzungskorridor entlang des Bombaches an die Limmat ist für die Höngger Wasserfledermäuse vermutlich die einzige fast durchgängige nutzbare Verbindung vom Wald an die Limmat und dürfte von existenzieller Bedeutung sein.

Jagd über der Limmat
Wasserfledermäuse jagen dicht über der Wasseroberfläche nach Insekten. Die Höngger Wasserfledermäuse nutzen fast den gesamten Bereich der Limmat zur Jagd. Die Mehrzahl der untersuchten Tiere jagte in lokal sehr begrenzten Gebieten über der Limmat oder dem Kanal. Die längste erfasste Flugstrecke vom Wochenstubenquartier in ein solchermassen eng begrenztes Jagdgebiet beim Hardeggsteg betrug 4.3 km. Kommt hinzu, dass laktierende Weibchen in der Nachtmitte jeweils zum Säugen des Jungen ins Wochenstubenquartier zurückfliegen, um nach einer Dreiviertelstunde dann nochmals für eine zweite Jagdphase ins angestammte Jagdgebiet auszufliegen.
Was die Qualität der Jagdlebensräume betrifft, so konnte festgestellt werden, dass stark beleuchtete Bereiche eher gemieden werden. Ebenfalls scheinen Flussabschnitte mit steilen und bewachsenen Ufern bevorzugt zu werden.