Neue Erkenntnisse zum Verhalten von Fledermäusen
Die Problematik ist hinreichend bekannt: Windenergieanlagen können Fledermäuse erschlagen. Um den gesetzlichen Vorgaben zu genügen, können Totschläge dank einer klugen Standortwahl und Abschaltmechanismen bei hoher Fledermausaktivität glücklicherweise weitgehend reduziert werden. Eine allfällige Restmortalität soll kompensiert werden.
In den letzten Jahren erschienen jedoch mehrere wissenschaftliche Arbeiten, welche einerseits nachwiesen, dass Fledermäuse von Windenergieanlagen angezogen werden können, andererseits aber auch, dass sie Windenergieanlagen meiden. Wissenschaft, Fledermausschutz, Behörden, Umweltbüros und Windenergiepromotoren haben Mühe, diese Befunde einzuordnen und Massnahmen zum Schutz von Fledermäusen zu entwickeln. Eine Forschergruppe des «Wind Energy-Environmental Research & Engagement Network» um Luisa Münter hat diese Untersuchungen erstmalig zusammengefasst und Hypothesen zu den Ursachen formuliert.
Fledermäuse könnten aus verschiedenen Gründen von Windenergieanlagen angezogen werden, zum Beispiel, um an den riesigen Masten ein Versteck zu finden. So ist bekannt, dass sich die Männchen des Grossen Abendseglers (Nyctalus noctula) im Spätsommer und Herbst an möglichst grossen Bäumen Baumhöhlen suchen, um die Aufmerksamkeit der Weibchen zu erregen. Die Masten könnten in der Dämmerung aber auch Orientierungspunkte am Horizont darstellen, ebenso nachts durch ihre Warnbeleuchtung - sowohl für Fledermäuse als auch deren Beuteinsekten.
Auf der anderen Seite wurde mehrfach nachgewiesen, dass bestimmte Fledermausarten Windenergieanlagen meiden. Dazu gehören zum Beispiel die Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus) oder kleinräumig agierende Arten wie die Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii) und das Braune Langohr (Plecotus auritus). Diese Arbeiten stehen teilweise im Widerspruch zu anderen Untersuchungen, welche einen solchen Effekt nicht nachweisen konnten. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass unterschiedliche Windenergieanlagen unterschiedliche Schallemissionen verursachen und je nach Emission Fledermäuse vertreiben können. Im Fokus des Fledermausschutzes stehen besonders die seltenen, kleinräumig agierenden Arten, welche nicht auf andere Lebensräume ausweichen können.
Worüber sich alle Stakeholder einig sind: Es besteht Bedarf, diese Wissenslücken zu schliessen. Die Stiftung Fledermausschutz empfiehlt deshalb, dass potenzielle Anlagenstandorte, wo seltene kleinräumig agierenden Arten vorkommen, bis zum Vorliegen weiterer Erkenntnisse gemieden oder dann genau untersucht werden sollen. Vor allem aber zeigt die vorläufige Ungewissheit, wie wichtig ein Fledermaus-Monitoring im Betrieb der Windenergieanlagen ist, um die Wirksamkeit von Massnahmen zu prüfen und bei Bedarf nachzubessern.
Originalarbeit: Bat Behavior in Relation to Wind Turbines: Attraction Hypotheses and Avoidance Behaviors | Tethys