Mückenfledermaus - Die Kleinste der Kleinen


Der "neue" Winzling
Die Mückenfledermaus erlangte erst in den 1990er Jahren Artstatus. Sie wurde bis dahin nämlich nicht als eigene Art, sondern «nur» als Unterart der Zwergfledermaus betrachtet.

In den 1980er Jahren kam der Gebrauch von Fledermausdetektoren auf – Geräte, die die Ultraschallrufe der Fledermäuse für Menschen hörbar machen. Schweizer Fledermausforschende stellten damals fest, dass Zwergfledermäuse zwei verschiedene Echoabbildungsrufe haben: entweder mit maximaler Lautstärke bei 45 kHz oder bei 55 kHz.


Englische Forscher vermuteten in den 1990er Jahren, dass die beiden Ruftypen zu zwei bisher miteinander verwechselten Fledermausarten gehören. Sie analysierten die Erbsubstanz (DNA) der altbekannten Zwergfledermaus und erkannten zwei genetisch unterscheidbare Gruppen. Äusserlich war den Tieren kaum etwas anzusehen: darum wurden sie bisher verwechselt. Doch im Sozialverhalten und in der Lebensraumwahl unterscheidet sich die «alte 45er-Art», die man weiterhin als Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus) bezeichnet, deutlich von der «neuen 55er-Art». Letztere wurde Mückenfledermaus (Pipistrellus pygmaeus) getauft.

Kaum zu unterscheiden
Zwei Tierarten, die sich sehr ähnlich sehen, werden in der Zoologie als "Geschwisterarten" oder "Zwillingsarten" bezeichnet. Die Mückenfledermaus und die Zwergfledermaus sind solche Geschwisterarten. Sie sehen sich sogar so ähnlich, dass sie bis in die 1990er Jahre nicht als zwei verschiedene Arten erkannt wurden.

Im Bild nebenan unterscheidet sich die Mückenfledermaus (rechts) durch die hellere Erscheinung von der Zwergfledermaus (links). Allerdings gibt es auch dunklere Formen der Mückenfledermaus und hellere der Zwergfledermaus, so dass dieses Merkmal unzuverlässig ist.

Mückenfledermäuse sind durchschnittlich zwar etwas kleiner als Zwergfledermäuse, aber es gibt viele Individuen, die aufgrund ihrer Grösse nicht eindeutig der einen oder anderen Art zugeordnet werden können.

Männliche Mückenfledermäuse haben einen heller gefärbten Penis als Zwergfledermäuse. Ausser diesem Erkennungszeichen, das sich bei weiblichen Tieren natürlich nicht anwenden lässt, sind bisher keine zuverlässigen Unterscheidungsmerkmale bekannt geworden. Als sicheres und einfaches Bestimmungskriterium hat sich aber die Unterscheidung anhand der unterschiedlichen Jagdrufe bewährt: Die Mückenfledermaus ruft bei ca. 55 kHz am lautesten, die Zwergfledermaus bei ca. 45 kHz. Dieser Unterschied kann mit einem handelsüblichen Fledermaus-Detektor ausgemacht werden, wie er z. B. im Shop der Stiftung Fledermausschutz erworben werden kann.

Lebensräume
Die Nahrung der Mückenfledermäuse besteht vorwiegend aus kleinen Insekten, die fliegend erbeutet werden. Darunter befinden sich viele kleine Mückenarten, was ihr zu ihrem deutschen Namen verholfen hat.

Die Mückenfledermaus stellt hohe Ansprüche an ihren Jagdlebensraum. Sie benötigt reich strukturierte Landschaften in der Nähe von Flüssen oder Seen. In offenen Wäldern mit einem hohen Altholzbestand und an Hecken jagt sie in schnellem Zick-Zackflug nach kleinen Beutetieren.
Ihre Tagesverstecke findet die Mückenfledermaus vorwiegend an Gebäuden. Ähnlich wie ihre Zwillingsart, die Zwergfledermaus, liebt sie es eng: In Fassadenspalten, unter Dachverschalungen oder in Storenkästen ist es ihr am wohlsten. Aus dem Tessin sind aber auch Mückenfledermausquartiere aus Fledermauskästen bekannt.

In der Schweiz die Kleinste
Die Mückenfledermaus ist die kleinste Schweizer Fledermausart. Mückenfledermäuse sind im Durchschnitt nämlich noch etwas kleiner als die Vertreter ihrer Zwillingsart, der Zwergfledermaus.

Eine ausgewachsene Mückenfledermaus kann weniger als ein Stück Würfelzucker wiegen – also nicht einmal vier Gramm. Trotz des geringen Körpergewichts besitzen Mückenfledermäuse vergleichsweise riesige Flügel: So bringt es selbst unsere kleinste, einheimische Fledermausart auf eine Spannweite von stattlichen 20 cm.

Seltene Unbekannte
Fledermäuse gehören in der Schweiz zu den geschützten Tierarten. Um Tiere aber effizient schützen zu können, müssen ihre Lebenraumansprüche bekannt sein. Aus diesem Grund wurden in den letzten Jahren grosse Anstrengungen unternommen, die bisher unbekannte Verbreitung der Mückenfledermaus und ihre Lebensraumansprüche abzuklären.

Im Unterschied zur Geschwisterart, der Zwergfledermaus, von der fast jede Ortschaft unter 1200 m ü. M. eine Kolonie beherbergt, ist die Mückenfledermaus eine seltene Fledermausart. Bis anhin konnte nur eine Hand voll Wochenstuben – Orte der Jungenaufzucht – gefunden werden. Diese wenigen bekannten Quartiere befinden sich in den Kantonen LU, GE, TI und TG. Bioakustisch konnte die Mückenfledermaus auch in weiteren Kantonen nachgewiesen werden.

Diese Befunde bilden einen starken Gegensatz z. B. zu England, wo Mückenfledermäuse ebenso häufig sind wie Zwergfledermäuse. Warum die Mückenfledermaus in der Schweiz selten ist, konnte noch nicht herausgefunden werden.